Totalversagen

Die Nutzung des Fahrrads in diesem Zustand war also lebensgefährlich. Ich habe leider den Eindruck, dass jemand ohne jegliche Fachkenntnis und ohne jeden Sachverstand einen Platten an Ihrem Fahrrad behoben hat.

Es kommt ja selten vor,  dass ich zu einer Rechnung noch ein paar erklärende Worte schreibe. In der Regel steht in der Rechnung alles drin, was man wissen muss oder möchte. Noch seltener wird mein Kommentar eine ganze Seite lang. Und genau so selten muss man darin obiges Zitat lesen. Dieses gehört nämlich zu meiner bislang einzigen Rechnung, zu der auch ein Anschreiben über die Länge einer ganzen Seite gehört. Außerdem stehen dann da noch so Sachen wie „ich bin ehrlich gesagt fassungslos“ und „ich bin schockiert“ drin. Was treibt mich dazu, das in eine Rechnung zu schreiben?

Eine Kundin brachte ihr Fahrrad, das sie keine zwei Monate zuvor bei mir gekauft hatte, mit einer Reklamation zu mir: Es habe während der Fahrt plötzlich ein Geräusch gegeben, dann ein Klappern. Ein Passant habe ihr geholfen und das Klappern erstmal behoben, aber das Licht ging nun nicht mehr. Ob ich mir das mal anschauen könne. Auf den ersten Blick war nur der Nabendynamo-Stecker nicht mehr an seinem Platz. Wenn der sich vom Nabendynamo löst, kann er gegen die Speichen schlagen, was das Klappern erklären würde. Der Stecker war eigentlich von oben aufgesteckt und im Auslieferungszustand eingerastet, was ein einfaches Herunterfallen eigentlich unmöglich machen sollte. Da mir das seltsam vorkam, bat ich sie, das Fahrrad bei mir zu lassen und ein paar Tage mit einem meiner Ersatzfahrräder zu fahren. Glücklicherweise ging sie darauf ein. Übrigens sei sie ein wenig enttäuscht, da sie schon zweimal einen Platten gehabt hat. Aber glücklicherweise gibt es jemanden, den sie anrufen kann, der kam dann und hat ihr das repariert. Ich konnte ihr nur beipflichten, dass dies ein guter Service sei. Zumindest war das zu diesem Zeitpunkt noch meine Meinung. Das änderte sich ein paar Tage später, als das Fahrrad zur Ursachenforschung und gegebenfalls zur Reparatur in der Werkstatt stand.

Als das Fahrrad so vor mir stand, fiel mir auf den ersten Blick auf, dass der Reifen vorn entgegen der Laufrichtung aufgezogen war. Passiert mir zwar auch manchmal, aber spätestens wenn ich das Rad einbaue, sehe ich meinen Fehler und korrigiere ihn – auch im größten Saisonstress. Wie stehe ich denn da, wenn jemand stolz mit seinem frisch reparierten Fahrrad angibt: „Da hab ich ein paar hundert Euro ausgegeben und der Herr Ullmann hat mir sogar noch pannensichere Reifen aufgezogen…“ und dann zu hören bekommt: „Dann hätte er sie ja wenigstens richtig herum aufziehen können, oder fährst du normalerweise rückwärts?“ Geht ja nicht. Gut, ist jetzt nicht sicherheitsrelevant und wird das Vorankommen nicht sonderlich erschweren, aber mir persönlich wäre es peinlich, das so zu lassen.

Fahrrad von vorn: Reifen ist entgegen der Laufrichtung aufgezogen, Vorderrad ist schief, die Bremse ebenso...
falsch aufgezogener Reifen, unter anderem

Im zweiten Teil meines ersten Blicks ist mir aufgefallen, dass die Bremse so seltsam schief steht. Was ist denn da los? Das Fahrrad ist keine zwei Monate alt, ich hatte es selbst endkontrolliert und weiß dass alles in Ordnung war. Der Pedant in mir lässt es nicht zu, dass hier ein neues Fahrrad mit einer Bremse rausgeht, bei der die Bremsarme nicht parallel oder gleichmäßig nach außen geneigt stehen. Und was erst recht nicht vorkommt: dass das Vorderrad schief steht. Ein wenig Ärger machte sich in mir breit: Wer, um alles in der Welt, hat da an meinem einem Rad, auf dem mein Name der Name meines Ladens steht, herumgepfuscht?

der Bremsbelag steht schief auf der Felge des schief stehenden Vorderrads
Blick von der Seite bei noch schief stehendem Vorderrad

Jetzt könnte man ja denken, derjenige, der da den Platten behoben hatte, hat die Bremse einfach nur ein bisschen verstellt, damit das unbemerkt schief eingebaute Rad frei läuft. Aber: Nein, der Bremsbelag links wurde anders als original montiert, damit es irgendwie passt. Sehr gut zu sehen auch auf dem nächsten Bild:konvexe und konkave Scheibe in falscher Reihenfolge am Bremsbelag montiertDer Fachmann sieht es auf den ersten Blick: Hier wurde die konkave Scheibe außen, die konvexe Scheibe innen montiert, was genau falsch herum ist. Kopfschütteln machte sich bei mir breit. Also spätestens an der Stelle, an der man die Bremsbeläge umbaut, hätte man doch merken müssen, dass irgendetwas nicht stimmt. Es gibt in der Tat Fahrräder, bei denen wir sowas ähnliches (dann aber mit richtig montierten Konkav- und Konvex-Scheiben) auch mal machen, damit die Bremse nicht so schief steht, wie oben abgebildet. Das sind dann Fahrräder, bei denen das Vorderrad schief steht, wenn man es bis zum Anschlag in die Ausfallenden (Achsaufnahmen der Gabel) einführt. Dabei handelt es sich aber so gut wie immer um Billigräder aus dem Baumarkt, Discounter etc. Da nutzen wir auch mal alle Möglichkeiten, die die Bremsen hergeben, damit es nicht ganz so schlimm aussieht oder damit die Bremsarme nicht am Radschützer (alias Schutzblech) anschlagen. Oder es ist ein Unfallschaden mit verbogener Gabel, die dann ausgetauscht werden sollte. Aber das hier ist ein unfallfreies, fast neues Über-500-Euro-Fahrrad aus dem Fachhandel. Die einfachste Lösung wäre hier gewesen: Vorderrad gerade einbauen. Dann hätte die Bremse wieder gepasst. Wieso hat sich hier jemand die Mühe gemacht, die Bremse so zu verunstalten? Wobei dann auch der Bremsbelag nicht einmal parallel zur Bremsfläche (Felge) stand… Zusätzlich wurde dann noch die Stellschraube am Bremshebel herausgedreht, damit die Bremse auch wieder bremst. Den Anblick erspare ich uns an dieser Stelle.

Ich wollte mich nun schleunigst daran machen, diesen Missstand zu beheben. Aber was war das? Die erste Achsmutter ließ sich viel zu leicht lösen. Schnell den Schraubenschlüssel wieder um den gleichen Weg zurückgedreht, Drehmomentschlüssel geholt… Ab 10Nm schien mir zu viel. Eine Pitlock- oder Inbusspannachse bei einer Rohloff-Hinterradnabe (ein Beispiel, das ich gerade im Kopf hatte) wird mit max. 7Nm angezogen, hier war es definitiv weniger. Also doch den kleinen Drehmkmentschlüssel für 2,5Nm bis 25 Nm. 2,5Nm – knackt. 4 Nm – knackt. 5 Nm – Achsmutter bewegt sich. Die Achsmuttern am Vorderrad waren mit weniger als 5 Nm angezogen, vorgeschrieben ist das vier- bis fünffache (siehe DM-GN0001-20-GER.pdf). Spätestens an dieser Stelle wurde mir doch etwas unwohl. Wie kann man Achsmuttern nicht richtig festziehen? Im ungünstigen Fall kann das dazu führen, dass sich das Vorderrad löst und insbesondere in Kombination mit der verstellten Bremse unvermittelt blockiert. Und die Wahrscheinlichkeit dafür wäre in einer extremen Fahrsituation (z.B. Ausweichmanöver) besonders groß und dann auch um so gefährlicher…

Vorsichtshalber habe ich das Vorderrad ausgebaut, um zu kontrollieren, dass sich nicht wegen der zu lockeren Achsmuttern die Lagerkonen gelöst hätten. War aber alles in Ordnung. Misstrauisch habe ich noch die Bereifung demontiert, um sicherzustellen, dass da nicht noch böse Überraschungen auf uns warten. Bei der Gelegenheit bekam der Reifen dann auch seine Laufrichtung wieder zurück. Von mir ließ sich das Vorderrad dann auch widerstandslos gerade einbauen, nun nur noch die Bremse einstellen….

Bremszug, der nicht in der vorgegebenen Nut geklemmt ist
noch ein Fehler

Aber was war das? Der Bremszug war unter der Klemmschraube nicht in der dafür vorgesehen Nut geführt. Ist blöd, weil er dann leicht durch die Klemmschraube beschädigt wird. Also: Klemmschraube lösen… Lösen? Die ist ja gar nicht fest! Bauchschmerzen meinerseits. So kann man doch niemanden mit einem Fahrrad fahren lassen! Aber wollen wir dem mal einen Messwert geben. 2,5Nm – Schraube dreht sich. Wieder das kleine Stück zurückgedreht. Anderer Drehmomentschlüssel: 1Nm. Weniger kann ich nicht messen. Und selbst von diesem Anzugsmoment ist die Klemmschraube noch weit entfernt. Eine Schraube, die mir 6 bis 8 Newtonmeter Drehmoment festgezogen werden soll! Ein kräftiger Zug am Bremshebel und der Bremszug rutscht durch, die Bremse greift nicht und eine Notbremsung bleibt aus… Ich bin schockiert!

Und spätestens an dieser Stelle ist wohl klar, warum ich der Kundin einen längeren Text mit dem Zitat am Anfang dieses Beitrags und einer Erklärung, wie ich zu diesem Schluss gekommen bin, zu ihrer Rechnung geschrieben habe.

TL;DR

Um es kurz zusammen zu fassen: Eine Kundin kauft ein Fahrrad bei uns, lässt andreswo einen Platten beheben, reklamiert einen Fehler, den sie nicht zuordnen kann, und ich muss feststellen, dass an dem Fahrrad, das ich keine zwei Monate zuvor persönlich endkontrolliert habe, entgegen dem Auslieferungszustand:

  1. der Reifen vorn nun entgegen der Laufrichtung montiert ist,
  2. das Vorderrad schief eingebaut ist,
  3. die Achsmuttern des Vorderrads nicht richtig festgezogen sind,
  4. die Bremse vorn falsch eingestellt ist,
  5. der Brembelag vorn rechts falsch montiert ist,
  6. der Bremszug vorn nicht mehr richtig montiert ist und
  7. die Bremszugklemmschraube nicht festgezogen ist.

Ich möchte nicht behaupten, dass uns nicht auch mal ein Fehler passiert, zumal in der Hauptsaison durch die hohe Kundenfrequenz ein durchgängig konzentriertes Arbeiten an einer Reparatur während der Öffnungszeiten häufig nicht möglich ist. Wenn wir uns dann nicht sicher sind, dann ziehen wir halt eine Schraube nochmal nach -und auch ein drittes und viertes Mal, wenn noch andere Kunden unsere Aumerksamkeit bekommen wollten. In vier Jahren kann ich mich an zwei Fälle erinnern, in denen wir mal eine sicherheitsrelevante Schraube nicht richtig festgezogen hatten und es bei der abschließenden Probefahrt nicht aufgefallen war. Glücklicherweise ist es dann aber den Kunden schon beim Losfahren aufgefallen. Ein paar Kunden hatte ich auch schon angerufen, nachdem sie ihre Fahrräder abgeholt hatten, weil ich mir nicht sicher war, ob ich diese oder jene Schraube festgezogen hatte. War aber immer falscher Alarm. Es kann auch mal vorkommen, dass wir Verschleißerscheinungen nicht richtig deuten, insbesondere, wenn es keinen offensichtlichen Indiaktor (Verschleißlehre, Verschleißmarkierung) gibt und Symptome bei unseren Probefahrten nicht auftreten.

Aber wie man bei einer so einfachen Reparatur, die man beim Kunden zu Hause durchführt und daher nicht durch Laufkundschaft abgelenkt gewesen sein kann, wirklich alles falsch machen kann, ist mir ein Rätsel.

Gut, es war nicht alles misslungen. Der Flicken auf dem Schlauch sah perfekt aus. Wenn man die oben geschilderten Mängel bedenkt, muss ich aber auch dazu sagen: Wie das passieren konnte, ist mir ein Rätsel.

Angesichts dieser Mängel bin ich erleichtert, dass sich nur der Nabendynamo-Stecker gelöst hat und Ihnen nichts passiert ist. (…) Ich wünsche Ihnen mit Ihrem nun wieder betriebssicheren Fahrrad allzeit gute und pannenfreie Fahrt!

Ein Gedanke zu „Totalversagen

  1. Das wird dir immer ein Rätsel bleiben, weil du denkst wie ein Mechaniker; der sich auskennt.
    Wenn du denken würdest wie ein „netter Nachbar“, der sich nicht auskennt; kommst du dahinter.
    Das Rad ausbauen kein Problem; Luft ist draussen und der Reifen geht durch die Bremse.
    Decke /Reifen runter; Schlauch flicken; Reifen drauf-fertig! (das die Reifen Laufrichtung haben, wissen die wenigsten). Fertiges Laufrad wieder einbauen. Upps die Bremse ist im Weg. Die einen bauen die Bremsbeläge ab, die anderen lösen den Bremszug. Wenige wissen,das der Zug ausgehängen werden kann! Jetzt das Laufrad rein; klemmt etwas, passt, Mutttern festziehen. Jetzt passt die Bremse nicht mehr, aber die können wir ja neu einstellen. Fertig. Probefahrt mit Vollbremsung- nicht nötig. Ist ja nur ein Fahrrad.

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